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"Die guten alten Bilder"
   
         
07.03.05 - 15:16:23
   
       
   
         
sunmoon 1, 2. • Michael Wagner
   
       
Sonnenfinsternis, 11.08.1999, Frankfurt am Main, 250 mm, 6x6 color negativ Film.
   
             
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Die stellvertretende Präsenz bzw. die Telepräsenz zerstört allmählich das für unsere Gesellschaft bis heute bestimmende Organisationsprinzip, bezeichnet als "Gesetz der Nähe": Was sich in unserer Nähe befindet, ist wichtiger, wahrer oder konkreter als das, was fern von uns ist, kleiner und schwieriger zu erreichen. Auratisch ist nicht mehr die Ferne, sondern die Nähe, nicht die Beschleunigung, sondern der Stillstand.

Der 1991 verstorbene Kommunikations- und Medienphilosoph Vilém Flusser schreibt in seinem Essay »Bilderstatus« zu dieser Entwicklung: »Da wir die guten alten Bilder nicht mehr herstellen können, müssen wir entweder noch weit neuere bewegte und tönende Bilder schaffen, als es die uns umspülenden sind, oder wir müssen ›stille‹ Bilder herstellen, welche die Bilderflut überragen. Die guten alten Bilder wurden geschaffen, wann immer jemand Abstand von einem Gegenstand nahm, um ihn zu betrachten und das Erblickte für andere zugänglich zu machen. Dieser Schritt zurück vom Objektiven ins Subjektive und die darauffolgende Wendung ins Intersubjektive bilden eine außerordentlich komplexe Geste…«
(Bilderstatus: Erstveröffentlichung in: Metropolis. Internationale Kunstausstellung Berlin 1991, Hg.: Ch. Joachimides und N. Rosenthal, Stuttgart 1991; wieder in: Vilém Flusser, Lob der Oberflächlichkeit, Schriften Bd. 1, 2. Aufl. Mannheim 1995; und in: Der Flusser Reader zu Kommunikation, Medien und Design. Vilém Flusser, Die Revolution der Bilder, Mannheim 1995) ...

... Was Flusser mit den »guten alten Bildern« meint, illustriert er an zwei historischen Weisen der Bilderzeugung: die eines Menschen von Lascaux und die eines im Florenz der Medici. Das Bild in der Höhle von Lascaux ist prähistorisch und kann aufgrund seiner Symbolik immer wieder von jedem Empfänger, nach seiner eigenen Methode entschlüsselt werden. Hier wurde das Objekt von einem subjektiven Standpunkt heraus erblickt und nach einer flüchtigen und privaten Ansicht als Symbol verschlüsselt festgehalten und veröffentlicht, um andere daran teilhaben zu lassen. Wer den Code kannte und vor die Wand trat, der konnte die Ansicht entschlüsseln und die Botschaft empfangen. Der Gegenstand, auf den der Florentiner sich bezog, war nicht ebenso objektiv, denn er war bereits mit vorangegangener Subjektivität behaftet. Die Darstellung einer biblischen Szene etwa bedeutet, daß der Code, in den der Florentiner seine Ansicht verschlüsselte, aus vorangegangenen Symbolen bestand, in welche er eigene einfügte. Das Bild des Florentiners ist somit ein historisches und man muß die Geschichte kennen, um es zu entziffern.

Wenn diese komplexen Weisen der Bilderzeugung »Imagination« genannt werden, dann, so stellt Flusser fest, hat die moderne Wissenschaft und Technik die Imagination von Menschen in Apparate abgeschoben, um sie zu perfektionieren:
»Apparate sind technische Vorrichtungen, und Technik ist Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf Phänomene. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind solche, welche dank eines methodisch durchgeführten Abstandnehmens von den Phänomenen gewonnen werden. Daher sind Apparate Vorrichtungen, in welchen der wissenschaftliche Abstand von den Phänomenen technisch umgedreht wird. Anders gesagt, es sind Vorrichtungen, in welchen aus Abstraktem ins Konkrete gedreht wird – zum Beispiel aus mathematischen Gleichungen in Bilder, wie im Fall von Fotoapparaten. Gleichungen der Optik, der Chemie, der Mechanik und ähnliche werden mittels Fotoapparaten als Bilder sichtbar; oder die Phänomene, aus welchen Gleichungen abstrahiert wurden, erscheinen konkret auf Fotos.«

Mit dieser Schilderung versucht Flusser ersichtlich zu machen, daß apparatische technische Bilder wie Fotos und alle auf sie folgenden, im Vergleich zu den guten alten Bildern umgekehrt eingestellt sind: »Die alten sind subjektive Abstraktionen von Phänomenen, die technischen sind Konkretionen von objektiven Abstraktionen.« ...

Michael Wagner