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"Fragmente 1869-1874"
   
         
03.03.05 - 13:22:53
   
       
   
         
"SPURENSUCHE", oder "Vom Verschwinden des DUKTUS" • Michael Wagner
   
       
Pierre Auguste Renoir , Wiesenweg 1874, Musée d'Orsay, Paris, Diacolor, 2001.
   
             
          duktus    



"Diese Zeit hat einen Haß auf die Kunst, wie auf die Religion. Sie will weder eine Abfindung durch einen Hinweis auf das Jenseits, noch durch einen Hinweis auf die Verklärung der Kunstwelt. Sie hält das für unnütze "Poesie", Spaß usw. Unsre "Dichter" entsprechen. Aber die Kunst als furchtbarer Ernst! Die neue Metaphysik als furchtbarer Ernst! Wir wollen euch die Welt noch so umstellen mit Bildern, daß euch schaudert. Das aber steht in unserer Hand! Verstopft euch die Ohren, eure Augen werden unseren Mythus sehen. Unsere Flüche werden euch treffen!"

"Vielleicht kann der Mensch nichts vergessen. Die Operation des Sehens und des Erkennens ist viel zu complicirt, als daß es möglich wäre, sie völlig wieder zu verwischen, d. h. alle Formen, die einmal vom Gehirn und Nervensystem erzeugt sind, wiederholt es von jetzt ab so oft. Eine gleiche Nerventhätigkeit erzeugt das gleiche Bild wieder."

"Es ist zwiefach eine künstlerische Kraft da, die bildererzeugende und die auswählende."

Friedrich Nietzsche, 1844-1900, Fragmente 1869-1874.

"Sensation", Arthur Rimbaud, 1870.

Par les soirs bleus d'été, j'irai dans les sentiers,
Picoté par les blés, fouler l'herbe menue:
Rêveur, j'en sentirai la fraîcheur à mes pieds.
Je laisserai le vent baigner ma tête nue.

Je ne parlerai pas, je ne penserai rien :
Mais l'amour infini me montera dans l'âme,
Et j'irai loin, bien loin, comme un bohémien,
Par la Nature, - heureux comme avec une femme.

Meine Übersetzung:

"Empfindung"

Für die blauen Sommerabende werde ich die Pfade gehen,
prickelnd durch das Getreide, das kleine Gras festtretend:
Träumerisch werde ich davon die Frische zu meinen Füssen fühlen.
Ich werde den Wind meinen nackten Kopf baden lassen.

Ich werde nicht sprechen, ich werde nichts denken:
Aber die unendliche Liebe wird mich in der Seele aufrichten,
Und ich werde weit, sehr weit als ein bohémien gehen,
durch die Natur - glücklich wie mit einer Frau.

Arthur Rimbaud wurde 1854 in Charleville geboren. Sein Leben wurde von seiner frühzeitig entwickelten Begabung und der strengen Erziehung, die ihm seine Mutter zukommen liess, geprägt. Sein schulischer Erfolg und seine jugendliche Auflehnung gingen miteinander einher. Das obenstehende Gedicht "Sensation" schrieb er im Alter von 15 Jahren. Durch seine auflehnerische Art versinnbildlicht er das Bild von überschwenglicher Jugend und absoluter Leidenschaft. Überschwenglich und ungestüm stellt er seine Umwelt bloss und versteht sich als "sehend".

http://www.voltaireonline.org/zwpages/poemfr.html

Mit 19 Jahren war der Dichter Arthur Rimbaud in der Hölle angekommen. Vier Jahre zuvor hatte er schreibend begonnen, sich in den ganz großen Schaffens- und Lebensrausch zu steigern. Er übte das bewußte und gewollte Verstimmen aller Sinne, um zum Unbekannten vorzustoßen. Mit seinem berühmten Gedicht Le Bateau ivre (Das trunkene Schiff) von 1871 segelt er seiner Zeit weit voraus in die Moderne. Der Aufenthalt in der Hölle (Une Saison en Enfer) beginnt mit den Sätzen: „Einst, wenn ich mich recht erinnere, war mein Leben ein Fest, wo alle Herzen sich öffneten, wo alle Weine flossen. Eines Abends habe ich mir die Schönheit aufs Knie gesetzt. – Und ich hab sie bitter gefunden. – Und ich hab sie beschimpft.“

Ein knappes Jahr später hörte er auf mit dem Schreiben, für immer. Das Verstummen ist Rimbauds letzter dichterischer Akt. Er stirbt 37-jährig als Handlungsreisender in Marseille an den Folgen einer Beinamputation und hinterlässt das Rätsel einer genialen Jugend. So wie Rimbaud die Moderne in seinen flackernden Visionen sah, kann man sie heute noch besichtigen – als ein Zeitalter der entfesselten Energien und splitternden Kontexte. Und vielleicht muss erst wieder eine neue genialische Jugend kommen, um uns den Weg aus den Labyrinthen dieser Epoche zu weisen.

Claus Spahn

http://www.culturactif.ch/revues/variations5.htm