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"Abstrakte Fotografie"
   
         
08.04.05 - 17:20:03
   
       
   
         
transmission • Michael Wagner
   
       
   
             
          transmission    



... Danach soll nun – als zusammenfassende Definition – Abstrakte Fotografie als Sammelbegriff für eine Kunstform verstanden werden, in der die gegenständliche fotografische Abbildung zugunsten fotografischer Strukturbildungsprozesse in den Hintergrund tritt. Im Vordergrund steht die Visualisierung einer (abstrakten) Idee, die unter bewusster Vernachlässigung von Aspekten der Gegenständlichkeit und Wiedererkennbarkeit fotografisch realisiert wird. Dabei gelingen Bildaussagen, die mit den Mitteln des fotografischen Abbildes nicht möglich sind und die über dessen Wirkung hinausgehen. Das Gebiet schließt sowohl die Abstraktion (von Wirklichkeit) als auch die Konkretion (von Möglichkeit) in sich ein.

Abschließend soll eine kleine Typologie fotografischer Abstraktionen versucht werden. Nach ihrer historischen Entwicklung, ihrem Abstraktionsgrad und ihrer Zielsetzung können abstrakte Fotografien unterteilt werden in:

1. Bilder als Abstraktionen des Sichtbaren: Fotografien, die im Ansatz (noch) abbildend, mimetisch, jedoch eindeutig und überwiegend (schon) formbezogen sind und die durch ‚schöpferisches Sehen’ in strukturerzeugender Weise in Erscheinung treten.
Eingeführte Methoden- und Stilbegriffe dazu sind ‚Neues Sehen’, Gestaltende
Fotografie, Visualistische Fotografie. Ihre Mittel sind der extreme Ausschnitt, die Nahaufnahme, die dynamisch-bewegte Kameraführung, die Mehrfachbelichtung, bewusste Über- oder Unterbelichtung.

2. Bilder als Visualisierungen des Nichtsichtbaren: Fotografien, die unter Einbeziehung und Mitwirkung bildgebender Verfahren entstehen und auch in der wissenschaftlichen Fotografie eine Rolle spielen. Eingeführte Begriffe im Zusammenhang damit sind
Experimentelle Fotografie, Wissenschaftliche Fotografie, Bildgebende Fotografie. Zu ihren Techniken gehören Mikro-, Röntgen- und Thermofotografie, Kurzzeitfotografie, Hochfrequenzkinematografie, Falschfarben- und Äquidensitendarstellungen.

3. Bilder als Konkretisierungen reiner Sichtbarkeit: Fotografien, die im freien kompositorischen Umgang mit dem fotografischen Material entstehen und dabei eine eigene selbstreferenzielle, reflexive, autopoietische Bildsprache entwickeln. Ihre Mittel werden zum Gegenstand, autonome Bildstrukturen entstehen. Eingeführte Methoden- und Stilbegriffe dazu sind Konkrete Fotografie, Konstruktive Fotografie, Generative Fotografie. Ihre Ergebnis sind das reine Lichtbild, das Fotogramm, Luminogramm, Chemigramm. Ihre Untersuchungen beziehen sich auf bildimmanente Phänomene wie
Schärfe/Unschärfe-Relationen, Bild-„Störungen", Korn, Rauschen, Flimmern, usw.

Rolf H. Krauss ist der Hinweis zu verdanken, dass es sich bei der Entwicklung der Abstrakten Fotografie von Anfang bis heute um eine Eigenleistung der Fotografen handelt – im Gegensatz etwa zu einer Kunst mit Fotografie und zur Konzeptfotografie der 1970er Jahre. Deren Ursprünge gingen wesentlich auf Impulse der damaligen Künstlerszene aus Minimal Art, Concept Art und Land Art zurück.

Heute werden diese Unterscheidungen zunehmend unwichtig. Eine neue Künstlergeneration sucht vorbehaltlos und ohne Scheu und unter Einschluss aller verfügbaren Gebrauchsweisen, Methoden und Stilmittel, mit fotohistorischen Verfahren ebenso wie mit dem Computer, neue Wege für einen künstlerischen Ausdruck unserer Zeit zwischen Gegenständlichkeit, Abstraktion und Konkretion.

Prof. Gottfried Jäger, Abstrakte Fotografie, 21.03.04.
http://www.gottfried-jaeger.de