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"Fernsehgeneration"
   
         
25.06.05 - 15:33:22
   
       
   
         
bluebox • Michael Wagner
   
       
   
             
       

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... Genauso, wie das Fernsehen die Antithese des Netzes ist, so ist die "Fernsehgeneration" - die geburtenreichen Jahrgänge ("baby boomers"), wie sie die Amerikaner bezeichnen - die Antithese der "Netzgeneration". Gleich der Technologie, über die sie nun verfügt, sind die Werte der "Fernsehgeneration" in zunehmendem Maß konservativ, "hierarchisch, unflexibel, und zentralistisch". Die Angehörigen der "Netzgeneration" dagegen "hungern danach, sich Ausdruck zu verleihen, zu entdecken und sich selbst zu entwickeln": Sie sind auf Draht, selbständig, analytisch, kreativ, wißbegierig, akzeptieren Vielfalt, haben soziales Bewußtsein und sind global orientiert - und all dies, so scheint es, aufgrund ihrer intuitiven Beziehung zur Technologie.

Nicht alle von mir angeführten Autoren stimmen mit dieser Gegensätzlichkeit der Technologien überein; doch alle insgesamt betrachten die heutigen Medien als Mittler einer Art Befreiung für Kinder. Während Seymour Papert in helle Begeisterung über die "Liebesaffäre" der Kinder mit der Technologie gerät, erblicken Douglas Rushkoff und Jon Katz in den neuen kulturellen Ausdrucksformen, die über die sozusagen "alten" Technologien vermittelt werden, ähnlich befreiende und demokratische Möglichkeiten. So betrachtet Katz die Rap-Musik, Talkshows und Kabelfernsehen - wie auch das Internet - als "eine der herausragenden kreativen Explosionen moderner Kultur" und behauptet, daß sie eine wachsende Herausforderung der zentralistischen Erwachsenenherrschaft verkörpern.

Auch hier ist es möglich die Behauptungen auf der Basis des Beweismaterials anzufechten. Ein Großteil des Beweismaterials ist anekdotisch und nicht repräsentativ - und das ist deshalb unvermeidbar, weil diese Autoren versuchen, Voraussagen über die Zukunft zu treffen, statt die Gegenwart zu beschreiben. Dennoch handelt es sich hier um eine Art Generationsrhetorik - ein atemberaubender Optimismus über die Jugend, der einer Art Verkaufsgespräch nahekommt. Und das entworfene Bild ist bei weitem nicht vollständig. Man könnte beispielsweise behaupten, daß Talkshows und Kabelfernsehen nicht symptomatisch für die Demokratisierung der politischen Diskussion, sondern ganz im Gegenteil, für eine schwindende offentliche Sphäre sind. So wie sich diese Medien weiterentwickeln, scheint es immer fraglicher, ob das Internet in irgendeiner Weise "demokratischer" als frühere Medien ist, oder ob diese neuen Medien tatsächlich "interaktiv" sind. Man könnte beispielsweise auf die zunehmende Beherrschung des Internets durch wirtschaftliche Interessen und auf die gravierenden Ungleichheiten des Zugangs verweisen - Themen, auf die ich später noch etwas detaillierter eingehen werde.

Trotz der Unterschiede untereinander haben diese Autoren mehrere der theoretischen Begrenzungen gemeinsam, die in der "Tod der Kindheit These" zutage treten. Auch hier begegnen wir einer Art "Mediendeterminismus", wenn er auch nicht ausdrücklich mit bestimmten Technologien gekoppelt ist. Wie bei der "Tod der Kindheit" Debatte, wird eine gewisse Mythologie der Medientechnologie in einen Bezug zu einer Parallelmythologie der Kindheit und Jugend gebracht. Natürlich werden die Bedingungen dieser Beziehungen sehr unterschiedlich definiert. Postman und andere betrachten Kinder als verletzlich, unschuldig und schutzbedürftig gegenüber dem unmenschlichen und zersetzenden Einfluß der Medientechnologie, während Tapscott und andere dagegen Kinder als natürlich weise, als mit angeborener "Medienkompetenz" und Wissensdurst ausgestattet betrachten, den die Medientechnologie löschen kann. Wo Postman zu einem Zustand zurückkehren möchte, in dem die Kinder wußten, welcher Platz ihnen zukam, sind Tapscott und andere der Auffassung, daß die Erwachsenen versuchen sollten, ihre Kinder "einzuholen". Vertrauen die ersteren auf die Autorität der Erwachsenen, so verlassen sich die letzteren lediglich auf die Technologie für die Lösung all unserer gesellschaftlichen Probleme.

Letztendlich sind diese scheinbar widersprüchlichen Positionen doch die beiden Seiten derselben Münze. Beide sind unleugbar ansprechend. Sie erzählen einfache Geschichten, die direkt auf die Hoffnungen und Ängste bezüglich unserer Kinder zielen. Doch sie gründen auf gleichermaßen sentimentalen und essentialistischen Ansichten über die Kindheit, sowie auf ebenso verallgemeinerten, deterministischen Auffassungen über die Medientechnologie. Das bedeutet nicht, daß beide Positionen keine Wahrheiten enthielten. Dennoch wäre die Erfordernis eines vielschichtigeren Verständnisses der Beziehung junger Leute zu den Medien nahezulegen, wenn wir eine überzeugendere Basis für eine Gesellschafts- und Bildungspolitik entwickeln wollen. ...

Dr David Buckingham
Institute of Education, University of London, England.
"CYBER-WESEN" IM KLASSENZIMMER?"
MEDIENERZIEHUNG IN EINEM ZEITALTER KULTURELLER FRAGMENTIERUNG.
Beitrag zur GMK-Konferenz im November 1998 in Stuttgart
Übertragung ins Deutsche von G. Deißler.

http://www.gmk.medienpaed.de/auf003.htm