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"Zwischen Hypes und Hoax"
   
         
27.04.05 - 13:50:15
   
       
   
         
intersection • Michael Wagner
   
       
   
             
         

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... Der klassische Realismus fragte nach den Korrespondenzen von Zeichen und Wirklichkeit, Ideologie und Wirklichkeit, Illusion und Wirklichkeit.

Also: Wie viel Wahrheit spendet die Fernsehwirklichkeit?
Wo liegt im Internet zwischen Hypes und Hoax brauchbares Wissen?

Nach Lev Manovich (2001) glauben Zuschauer und User indes längst nicht mehr, was im Anspruch der Wahrheit über die Monitore fließt. Das Spiel mit der Wahrheit, wo immer sie liegen mag, wird zur medialen Kondition des abgeklärten Nutzers wie auch politischer Verlautbarungen, der Versprechen der Warenwelt und Reklame. Wir spielen ironisch bis augenzwinkernd mit, gehen eine »heimliche Komplizenschaft« ein, wenn uns ein Produkt als Zeichen des Authentischen, Individuellen oder Persönlichen aufgeschwätzt wird. Dabei wissen wir so gut wie die Anbieter, ob nun Politiker, Journalisten, Unternehmer oder Reklameherrscher, dass Täuschung zum Kerngeschäft der medialen Wirklichkeit gehört. Und wollen wir nicht getäuscht werden getreu der Feststellung Marshall McLuhans (1992):
»Die Besitzer von Medien sind immer bemüht, dem Publikum das zu geben,
was es will, denn sie spüren, dass ihre Macht im Medium liegt und nicht in der
Botschaft oder dem Programm.«
Das ist vermutlich auch die Antwort auf die Frage Niklas Luhmanns (1996):
Wie ist es möglich, Informationen über die Welt und über die Gesellschaft als Informationen über die Realität zu akzeptieren, wenn man weiß, wie sie produziert werden?

Denn der Fundamentalverdacht gegen die vermittelte Wahrheit ist nicht aufzulösen, wie es auch die zahlreich sprießenden Verschwörungserzählungen im Internet belegen, sondern nur zu ertragen oder zu genießen. Nach Lev Manovich ist der mediale Zeitgenosse, der sich auf dieses infinite Spiel einlässt, in einer unvergleichlich besseren Herrschaftsposition als der klassische Medientheoretiker oder -kritiker, der permanent auf eine schwindende Wahrheit, auf eine gesicherte Referenz der Außenwelt zurückgreifen will und schließlich nicht viel mehr in den Händen hält als sein stumpfes Beobachtungswerkzeug. Nun drückt sich der täuschungsbereite User in Lev Manovichs illusionistischem Medienkosmos aber letztlich um die hochpolitische, nicht weniger moralische Frage, welche Wahrheit er seinem eigenen Verhalten zu Grunde legen will. »Metarealismus« mag ein fröhlicher Erkenntniszustand sein, solange wir uns im folgenlosen Reich televisionärer Zeichen bewegen. Kommunikation und Interaktion in der realen Welt benötigen indes empirische Haltegriffe, brauchbares Handlungswissen, um nicht wie ein Buridanscher Esel an der Weggabelung zu stehen, ohne sich für diese oder jene Mohrübe entscheiden zu können. Die ironische Abkoppelung virtueller Welten von realen ist weder pragmatisch noch beschreibt sie das veränderte Mediennutzerverhalten vollständig. Neben der ironischen Distanz zu medialen Wahrheiten hat der »Homo medialis« auch längst gelernt, aus medialen Brüchen und Manipulationen, kontroversen Meinungen und fragmentarischem Wissen seine wirklichkeitstauglichen Wahrheiten herauszufiltern. Jenseits einer unangefochtenen Wahrheit, die sich vorgeblich in herrschaftsfreien Diskursen ermittelt, kristallisieren sich im kruden Gemisch von Nachrichten, Meinungen und Lügen immerhin Tendenzen einer pragmatischen Wirklichkeitsschau, die unter vielen Vorbehalten politisch und ethisch anschlussfähig ist. Das ist erheblich mehr als Jean Baudrillards Wirklichkeit ohne Referenzen, aber auch sehr viel weniger, als aufklärerische Medientheorien und -kritiken dem selbstgewissen Menschen vermitteln wollen.

.. Virtualität ist die schöpferische Schnittstelle zwischen den Potenzen, dem Möglichen, Denkbaren, dem weiten Feld der Vorstellungen, Imaginationen und Konzepte auf der einen Seite und ihrer stofflichen Einlösung und konkreten Handlungspraxis auf der anderen. ...

Wann immer die Rede von Virtualität ist, bewegen wir uns auf dieser ältesten Schnittstelle, die dem Bereich des bloß Möglichen das entnimmt, was zur wirklichen Wirklichkeit taugen soll und mit mehr oder weniger großen Mühen gegen eine andere Wirklichkeit eingetauscht wird, wenn es seinen Zweck verfehlt. Die Beobachtung unserer »gewöhnlichen« Wirklichkeit präsentiert uns nur eine Form einer gleichsam geronnenen Virtualität, die auch jederzeit revirtualisierbar ist, mithin wieder schöpferisch begriffen und umgestaltet werden kann, ad infinitum. Ohne Virtualität keine Wirklichkeit, ohne Wirklichkeit keine Virtualität. Danach können wir uns der Welt genauso gut über die Virtualität des Möglichen nähern wie über die Wirklichkeit. Oder in den Worten von Robert Musil (1952): »So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.«

Die gewöhnliche Wirklichkeit ist bereits eine virtuelle Realität, auch wenn unsere Wahrnehmung in ihrem Beharrungsvermögen auf relativ feste Zustände darum bemüht ist, sie ständig zu entvirtualisieren, also als unabänderliches Vorkommnis ohne weitere Möglichkeiten zu nehmen. Die so genannte virtuelle Realität, wie sie im Cyberspace definiert wird, ist eine andere Form der Wirklichkeit, die entweder zur »wirklichen Wirklichkeit« aufschließt oder autonomen Charakter reklamiert. Im Blick auf die telematische Durchdringung unserer alltäglichen Lebensbezüge ist der Ausdruck »Reale Virtualität« passender als die »Virtual Reality«.

Die wirkliche Wirklichkeit als archimedischer Boden sensomotorischer Geschöpfe ist dagegen jederzeit gefährdet, dem Irrtum eines »realo-zentrischen« Weltbilds zu erliegen, wenn die Innenräume des Bewusstseins, der Fantasie und der Einbildungskraft nicht länger als Stoff der Wirklichkeit gelten.

Virtualität ist mithin keine noch nicht zur Wirklichkeit gelangte Mängelwelt, sondern die natürliche Sphäre unserer Schnittstellenexistenz zwischen Ideen, Imaginationen, Plänen, Potenzialen und ihrer immer nur vorübergehenden Fixierung. So erhält sich in der Wirklichkeit eine Dynamik des Virtuellen, die sie permanent verändert, d. h. neu konzipiert und offen hält. Dieser Prozess optiert mithin für einen operationalen Begriff von Wirklichkeit, der abhängig vom jeweiligen Erkenntnis- und Handlungsinteresse ist. Die Wirklichkeiten sind so zahlreich wie die philosophischen, wissenschaftlichen und alltäglichen Weisen ihrer Erschließung. Wir haben gelernt, zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit, unmittelbarer und medialisierter Wirklichkeit, der Wirklichkeit der Makrophysik und jener der subatomaren Verrücktheiten zu unterscheiden. Letztlich gilt, dass jeder Mensch eine eigene Wirklichkeit repräsentiert, deren Totalität sich trotz aller Kommunikationsverheißungen der Vermittlung sperrt.
Oder mit dem Talmud gesprochen: »Der Tod eines Menschen ist der Tod einer Welt« . D. h., mit der realen stirbt zugleich eine virtuelle Welt, solange uns ein »backup« von Bewusstseinsinhalten verwehrt ist.

Palm Goedart

CyberMedienWirklichkeit, Virtuelle Wirklichkeitslehre -
Meditationen auf der Schnittstelle

- Seite 29-30, 2004. Heise Zeitschriften Verlag.

http://www.dpunkt.de/leseproben/3-936931-17-8/Kapitel_1.pdf