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"Inkommensurabilität"
   
         
31.03.05 - 16:04:26
   
       
   
         
commensurable • Michael Wagner
   
       
   
             
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Das Schlagwort "Inkommensurabilität" behandelt die Probleme der Inkommensurabilität von Wissen und von Werten. Inkommensurabilität bedeutet, dass unterschiedliche Arten von Wissen oder von Werten nicht problemlos ineinander übersetzt, verglichen und miteinander in Beziehung gebracht werden können.

’Einen Roman schreiben, heißt, die Inkommensurabilität auf die Spitze treiben.‘ Walter Benjamin

Inkommensurabilitätsthese:

Gemäß Thomas Kuhns Theorie (1967) entwickeln sich wissenschaftliche Disziplinen in einer Abwechslung von zwei Phasen, einer normalwissenschaftlichen und einer revolutionären Phase. In der normalwissenschaftlichen Phase arbeiten die Mitglieder einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, also die Vertreter einer bestimmten Forschungs- oder Fachrichtung, auf der Grundlage eines unhinterfragten Paradigmas. Ein solches Paradigma enthält nicht nur die Kernaussagen der jeweils vertretenen Theorien, sondern auch methodologische Normen und Werteinstellungen; es bestimmt sogar, in der ‘radikalen’ Lesart Kuhns, die Beobachtungsdaten. Nur die gemeinsame Akzeptanz eines Paradigmas ermöglicht in der normalwissenschaftlichen Phase kontinuierlichen Wissensfortschritt. Wenn sich gewisse Daten, sogenannte Anomalien, einer kohärenten Erklärung durch das Paradigma widersetzen, werden diese Konflikte durch mehr oder minder ad hoc vorgenommene Modifikationen des Paradigmas bereinigt. Häufen sich jedoch solche Anomalien, so beginnen jüngere Gelehrte nach einem neuen Paradigma zu suchen. Sobald ein solches gefunden ist, tritt die Wissenschaftsentwicklung für eine gewisse Zeit in eine revolutionäre Phase ein, in der zwei Paradigmen um die Vorherrschaft kämpfen. Mit einem Wechsel des Paradigmas sind jedoch, gemäß der ‘radikalen’ Lesart Kuhns, alle gemeinsamen Rationalitätsstandards weggefallen, alle bisherigen Erfahrungsdaten werden neu interpretiert - die beiden Paradigmen sind, gemäß Kuhns Inkommensurabilitätsthese, rational unvergleichbar, inkommensurabel, und der Kampf um die Vorherrschaft findet in Form eines wissenschaftspolitischen Machtkampfes statt, in dem die Anhänger des alten Paradigmas schließlich aussterben, wodurch sich das neue Paradigma durchsetzt und eine neue normalwissenschaftliche Phase einläutet. Als typische Beispiele führt Kuhn (1967) den Übergang von der ptolemäischen zum kopernikanischen Astrologie oder von der Newtonischen zur Einsteinschen Physik an.

In der darauffolgenden Kuhn-Kontroverse ging im wesentlichen darum, die wissenschaftsgeschichtlichen Einsichten Kuhns von den Übertreibungen seiner ‘radikalen’ Lesart zu separieren und seine Inkommensurabilitätsthese zu widerlegen oder abzumildern, um damit die Rationalität wissenschaftlichen Wandels in gemäßigterer Form wieder zu etablieren (Lakatos 1974b, Stegmüller 1973, S. 171 - 183, Hoyningen-Huene 1989, Stranzinger 1981). Insbesondere wurde argumentiert, daß auch sehr unterschiedliche Paradigmen über eine, wenn auch beschränkte, gemeinsame Beobachtungs- und Alltagssprache verfügen, welche einen rationalen Vergleich beider Paradigmen bzgl. ihrer empirischen Voraussage- und Erklärungskraft in gewissem Umfang ermöglicht (vgl. van Fraassen 1980, S. 16ff; 1981, S. 15; Gholson/Barker 1985, S. 759, Schurz 1988). Auch diese Weise konnten, nachdem sich die ‘postpositivistische’ Wissenschaftstheorie von der ‘Kuhnschen Herausforderung’ etwas erholt hatte, eine Reihe bescheidenerer, aber realistischerer Kriterien rationalen Wissenschaftsfortschritts entwickelt werden (z.B. Lakatos 1974a, Stegmüller 1986, Kap. 3).

Eine in der gesamten Kuhn-Kontroverse, von wenigen Ausnahmen abgesehen, stillschweigend von Kuhn übernommene Annahme war, daß in der normalwissenschaftlichen Phase einer Disziplin immer nur ein Paradigma vorhanden ist. In der Tat folgt dies zwingend aus der radikalen Lesart Kuhns, denn sobald mehrere Paradigmen koexistieren, entsteht ihr zufolge ‘Chaos’, irrationale Konfrontation, und die Normalwissenschaft gerät ‘aus den Fugen’. Man ging im wesentlichen von folgendem Bild aus: hier ein Paradigma, eine gewisse historische Zeitspanne danach ein anderes Paradigma, dazwischen ein Paradigmenwechsel, und die sich stellende Frage war, inwieweit dieser Wechsel irrational oder rational zustandegekommen ist (z.B. Bayertz 1981, Lakatos/Musgrave 1974). Kuhns Thesen in (1967) stützen sich jedoch nur auf einige wenige naturwissenschaftliche (voralledem physikalische) Beispiele: die kopernikanische Wende, oder die Einsteinsche Revolution. In der Tat scheint hier ein solchen globaler Paradigmenwechsel stattgefunden zu haben (obgleich Gholson und Barker 1985 zeigen, daß selbst hier Kuhns Annahme eine Vereinfachung darstellt). Mit Blick auf die Wissenschaften dieses Jahrhunderts fallen jedoch zwei Eigentümlichkeiten ins Auge.

Erstens scheint mit Blick auf die Nichtnaturwissenschaften Kuhns These der Vorherrschaft eines Paradigmas nicht die Regel, sondern die Ausnahme zu sein. Was man hier zumeist feststellt, ist eine lang anhaltende Koexistenz von rivalisierenden Paradigmen in ein und demselben Fachgebiet. Anhänger der Kuhnschen Auffassung könnten an dieser Stelle einwenden, daß Kuhns These der Vorherrschaft eines Paradigmas sich nur auf reife Wissenschaften bezieht, also solche, welche ihr historisches Frühstadium überwunden haben (vgl. Kuhn 1967, S. 28 - 31; 34 - 37). Es wäre jedoch sehr unplausibel, alle Nichtnaturwissenschaften als ‘unreif’ zu erklären. Kuhn selbst spricht fast nie über die Nichtnaturwissenschaften; an einer Stelle bemerkt er: "es bleibt die Frage offen, welche Teilgebiete der Sozialwissenschaft überhaupt schon solche [allgemein anerkannte - d.A.] Paradigmata erworben haben" (S. 34). Das ‘schon’ in dieser Formulierung zeigt, daß Kuhn auch hier die Etablierung eines allgemein anerkannten Paradigmas erwartet. Eine zentrale Frage des SFB wird also sein, ob diese Erwartung für die Nichtnaturwissenschaften überhaupt plausibel ist, oder ob nicht vielmehr die Koexistenz rivalisierender Paradigmen als der Normalitätszustand dieser Disziplinen aufzufassen ist.

Zweitens kann man mit Blick auf die Naturwissenschaften bezweifeln, ob es seit der quantenmechanischen Wende in den 20er Jahren hier überhaupt einen Kuhnschen Paradigmenwechsel gegeben hat. Die neuen Theorien des Chaos und der komplexen selbstorganisatorischen Systeme implizieren keinen Paradigmenwechsel in den Fundamentalgesetzen (Stöckler 1991). Es fragt sich daher einerseits, ob Paradigmenabhängigkeit in den Naturwissenschaften auch nur eine annähernd vergleichbare Rolle spielt wie in den Nichtnaturwissenschaften. Andererseits ist es in der Quantenmechanik bis heute nicht gelungen, die Antagonismen zwischen dem Wellenmodell und dem Partikelmodell zu überwinden, so daß sich fragt, ob hier in der Quantenmechanik nicht ebenfalls eine fortgesetzte Koexistenz rivalisierender Paradigmen vorliegt, und ob die Welle-Teilchen-Komplementarität gar als Musterbeispiel für Paradigmenkomplementarität angesehen werden kann.

http://www.uni-salzburg.at/sfb/details/paradigmenpluralismus.htm