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"Aqua Alta"
   
         
18.03.05 - 15:20:01
   
       
   
         
Aqua Alta • Lewis Baltz • Assistant Michael Wagner
   
       
Biennale d´art 2002 • Enghien les bains, Paris
   
             
          aqua_alta    

120 cm x 175 cm, transparency City Light.
http://www.insitu-enghien.org/biennale_2002/2002_flash/index.htm








In seiner "Naturkunde" berichtet Plinius von einem Wettstreit zwischen Zeuxis
und Parrhasios. Zeuxis hatte so naturgetreu Trauben gemalt, daß die Vögel
herbeiflogen, um nach ihnen zu picken. Diese Leistung soll Parrhasios überboten
haben, indem er ein Bild malte, das einen nicht minder naturgetreu dargestellten
Vorhang darstellte. Zeuxis, stolz auf seine Leistung, verlangte ungeduldig, daß
Parrhasios den Vorhang endlich beiseite schiebe, damit er sein Bild sehen könne.
Als Zeuxis seinen Fehler plötzlich bemerkte, erkannte er Parrhasios bereitwillig
den Preis zu, denn er, Zeuxis, hätte zwar die Vögel, Parrhasios aber selbst ihn,
den Künstler, zu täuschen verstanden. Wie sehr sich Zeuxis dem Ideal eines
vollkommen illusionistischen Bildes auch selbstkritisch verpflichtet fühlte, zeigt
eine weitere Anekdote. Einmal habe Zeuxis, so berichtet Plinius, ein Bild, das
einen Knaben mit Trauben in der Hand darstellte, für schlecht befunden,
gerade weil die Vögel nach den gemalten Trauben pickten. Denn dies zeige,
daß er zwar die Trauben, nicht aber den Knaben täuschend echt gemalt habe
(vgl. Plinius 1997, 59).

Obschon der Wahrheitsgehalt dieser Anekdoten mit Recht zu bezweifeln ist,
sind sie doch als Zeugnis antiker Kunsteinschätzung zuverlässig:
die antike Kunst hat sich weitgehend am Ideal der Mimesis orientiert.
Insbesondere die Malerei galt als desto gelungener, je mehr sie ihre Gegenstände
nachzuahmen verstand. Die platonische Bilderkritik läßt sich als kritische Reaktion
auf die Dominanz genau dieses mimetischen Aspektes verstehen.
Bilder reproduzieren nach Platon lediglich die Oberfläche der Dinge,
ihre äußere Ansicht, wie sehr sie auch die Anwesenheit des dargestellten
Gegenstandes suggerieren mögen. Der äußerlichen Darstellung stellt Platon aber
die Erkenntnis der Dinge als die höherwertige Aufgabe gegenüber.
Da sie ausschließlich begrifflich erfolge und der Wissenschaft bzw. der Philosophie
vorbehalten bleibe, disqualifiziert er damit die darstellenden Künste gegenüber
dem abstrakt-begrifflichen Denken.

In der Moderne hat der Begriff der Nachahmung
(und damit verbunden auch der Begriff der Ähnlichkeit) entscheidend an
Attraktivität verloren. der Grund hierfür ist allerdings nicht in dem platonischen,
ideologiekritischen Unbehagen an einer mangelnden leistungsfähigkeit der Bilder
zu sehen. Der moderne Vorwurf gegen die Mimesistheorie und gegen diejenigen
Bilder, die ihren Vorgaben entsprechen, kritisiert vielmehr die Ignoranz der
entsprechenden Bildtheoretiker und Bildproduzenten einer bildlichen
Leistungsfähigkeit gegenüber, die mit der Entwicklung der modernen Malerei
sichtbar geworden sei und durch den Begriff der Nachahmung kaum an
Verständlichkeit gewinne. Dieser Vorwurf richtet sich also nur gegen den Einsatz
bestimmter Bilder. Ihren Produzenten wird vorgeworfen, daß sie die Bilder
genau an den beschränkten platonischen Vorstellungen ausrichten, die sich schon
lange als entschieden zu einseitig und verkürzt erwiesen haben.

Der illusionistischen Auffassung zufolge, wie sie in der Anekdote von Zeuxis und
Parrhasios zur Sprache kam, zeichnet sich zumindest ein gutes Bild dadurch aus,
daß es in der Lage ist, die Illusion der tatsächlichen Anwesenheit des dargestellten
Gegenstandes zu erwecken. Zuweilen wird dieser Anspruch etwas strenger als eine
notwendige Bedingung des Bildseins bzw. der Abbildungsbeziehung formuliert.
Danach wäre ein Gegenstand nur dann ein Bild bzw. das Bild eines bestimmten
Objekts, wenn es im Betrachter den irrtümlichen Eindruck zu erzeugen vermag,
daß er den dargestellten Gegenstand direkt anschaut. Eine derart übertrieben
formulierte Theorie ist natürlich sehr leicht durch Gegenbeispiele zu widerlegen;
es scheint überaus fraglich, daß sie jemals ernsthaft vertreten wurde.
Mit recht schreiben auch Phillips und Richard Wollheim, daß:

"The illusion theory is undoubtedly the most venerable.
From pliny the elder's famous account of the contest between
zeuxis and parrhasios onwards, it has been traditional to praise
the representational artist as a wizard of visual deception.
But it seems less likely that such praise reveals an underlying theory
than that it manifests a rhetorical trope.
The illusion theory certainly encounters real difficulties.
For, even if it were maintained that some good, or great,
representation involves illusion - something which is in itself dubious -
it is evident that representation can occur without subversion or perceptual belief."

(Phillips & Amp; Wollheim 1996, 222)

Der Illusionismus kann daher kaum als ernst zu nehmende Bildtheorie gelten.
In Verbindung mit computergestützten Simulationstechniken gewinnen
illusionistische Bilder gegenwärtig aber unter dem Stichwort "Virtuelle Realität"
(VR) an Einfluss. Besonders gegen diese Form der Bildpraxis richten sich
die Vorwürfe der modernen Bilderkritik. Mit Blick auf die Interpretationen,
mit denen postmoderne Autoren die virtuellen Realitäten bedacht haben,
beschreibt etwa Gottfried Boehm in seinem vielbeachteten Aufsatzband
zur Bildtheorie die Tendenzen der virtuellen Realität als Bilderfeindlich.

"Die Möglichkeiten des Bildes werden in dieser postmodernen Perspektive sehr
einseitig ausgedeutet. Vor allem ist es ein Medium betörender Suggestion im
Dienste eines Illusionismus, vom dem es heißt, daß er sogar den Alltag der
Menschen beherrsche, die Differenz zwischen Darstellung und Wirklichkeit
einzuebnen vermöchte. Gelungene Simulation macht vom Bild freilich einen strikt
ikonoklastischen Gebrauch (Boehm, Gottfried, 1994, Die Wiederkehr der Bilder.
In: Boehm, g. (hg.): Was ist ein Bild? München: Fink,11-38.)."

Die moderne Reproduktionsindustrie favorisiert das Bild als Abbild,
als Double der Realität. Die elektronischen Simulationstechniken steigern -
wie der Begriff der Simulation unmißverständlich zeigt -
die Darstellung zu einem perfekten "als-ob", so sehr, daß dem Bewußtsein
der Postmoderne tendenziell die Differenz zwischen Bild und Realität
selbst zu schwinden schien, Factum und Fictum konvergierten.
Die Bilderfeindlichkeit der Medienindustrie ist ungebrochen, nicht weil sie Bilder
verböte oder verhinderte, im Gegenteil: weil sie eine Bilderflut in Gang setzt,
deren Grundtendenz auf Suggestion zielt, auf bildlichen Realitätsersatz,
zu dessen Kriterien seit jeher gehörte, die Grenzen der eigentlichen Bildlichkeit
zu verschleiern. (Boehm 1994, 35)


Klaus Sachs-Hombach, Illusion und Repräsentation,
Bausteine zu einer Theorie bildlicher Kommunikation.

http://isgnw.cs.uni-magdeburg.de/~ksh/artikel/illusion.html