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"Cyberpunk"
   
         
15.03.05 - 15:15:01
   
       
   
         
gender • Michael Wagner • serie expo 2000
   
       
   
             
          gender    



... Das Konzept des Posthumanismus beruht in erster Linie auf dem technischen
Umbau des Körpers, auf der Überschreitung der Grenzen des Physischen
mit dem Ziel nicht mehr nur der Ergänzung und Extension des lebendigen Körpers,
sondern seiner Überwindung, die gleichzeitig erkenntnistheoretische, kulturelle und
politische Veränderung impliziert. Die amerikanische Feministin Donna Haraway
hat 1983 – ironisch – in ihrem Cyborg-Manifest den Übertritt von dem hierarchisch
strukturierten Herrschaftssystem zu dem der Informatik beschrieben und
den Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts ontologisch als Cyborg,
als Grenzgänger zwischen Geist, Materie und damit Geschlecht begründet. ...

... "Der Cyborg" verbindet die Eigenschaften des Menschen mit den Aufrüstungen
der künstlichen-Intelligenz-Forschung. Aus Utopie und Horrorvision der
Science Fiction ist er als ein Modell hervorgegangen, das sowohl Autonomie
als auch totale Angepasstheit an seine Umgebung vereint:
Ursprünglich gedacht als eine Verschaltung von Körper und Maschine, die es dem
Menschen ermöglichen sollte, ohne Raumanzug im Weltall zu überleben,
ging seine zivilwirtschaftliche Entwicklung immer weiter weg von einer Autonomie
des Lebendigen hin zu einer Abschaffung desselben.
Begreift man unter Autonomie allerdings die politischen Grundwerte der
Selbstbestimmung und körperlichen Integrität, ist deren gewollte Abschaffung
als das Ergebnis einer bewussten Entscheidung zu sehen: Die Definition physischer
Vollkommenheit hängt heute zunehmend von der individuellen Fähigkeit ab,
sich von nicht-rationalen Motivationen und Begierden gelöst und (damit)
optimal an die sozialen Standards des Kapitalismus angepasst zu haben.

Die Verabschiedung vom Körper als Selbst, als Mittel des Umweltbezugs,
wie im posthumanen Modell eindeutig angestrebt
(und im transhumanen wie dem Cyborg bereits erreicht),
wird aber überhaupt erst möglich sein, wenn die Maschine in der Lage ist,
selbstreferentiell zu interagieren, d.h., sowohl wahrnehmen als auch eigenaktiv
handeln zu können. Gerhart Schweitzer, Gründungsmitglied der Nanorobotik,
gab auf seinem Vortrag Der Roboter – Eine autonome Person oder
verlängerter Arm des Menschen? im November 2000 in München folgende
menschliche Eigenschaften und Lebensformen an, die (noch) nicht auf Roboter
übertragbar sind: die Intelligenz unter dem Aspekt der Begründung für ein
bestimmtes Tun, das Selbstbewusstsein, gekoppelt an eine individuelle
Erlebnisperspektive, den Umgang mit der Zeit in Form von Identität und
Lebensplanung sowie die Expressivität in Verbindung mit der Errichtung
einer ästhetik; ferner die verbindende kulturelle Gemeinschaftspraxis,
die Bildung und der Erfahrungsschatz als Voraussetzung zur
Persönlichkeitsentfaltung, sowie den Gerechtigkeitssinn und –
damit zusammenhängend - die Selbstachtung.

Interessanterweise fällt die genealogische Reproduktion dabei schon nicht mehr
in den kennzeichnenden Bereich des Menschlichen,
da bereits in der artificial-life-Forschung die biologischen Prozesse
soweit nachgebaut werden können, dass Evolution stattfinden kann.
Das Kernproblem der Forschung sieht Schweitzer folglich in der Kommunikation
von Mensch und Maschine, ihre Grenzen nicht bestimmt durch die Fragen der Ethik,
sondern der Politik.
Somit wird das Blickfeld auf die Herrschaftsdiskurse vor allem um die Frage
nach der Monopolisierung von Macht erweitert: Denn wenn der Zugang zu der
lebensverändernden Technik immer verbunden sein wird mit der Potenz von
Einzelnen gegenüber denjenigen, die sie sich nicht leisten können,
ist die neue Ordnung a priori eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft,
die demzufolge nicht mit der Realisierung utopischer Gesellschaftsentwürfe
überwunden wäre. ...

... Die Ironie der Figur des "Cyberpunks" liegt gerade in seiner Unterwanderung
dieser Zwei-Klassen-Gesellschaft: Er kam in der Rolle des anarchischen Outsiders
aus der Gosse des "unt(echnologisi)er(t)en" Lebens, um sich der Hochtechnologie
zu bemächtigen und sein destruktives Spiel mit ihr zu treiben.
Dabei ist der Körper nicht mehr als ein Stück Fleisch, ein Wirt für die Technik,
um die "konsensuelle Halluzination" (Gibson),
das Navigieren durch die Datenmatrix, zu ermöglichen.
Aber der Mythos von der Glückseligkeit in der Virtualität wird bei Gibson
definitiv nicht eingelöst: Es gibt keine spirituelle Befreiung in der Matrix.
Der Cyberpunk suggeriert (und zwar mit sozialkritischem Impetus),
dass Maschinen Geist haben können und Menschen Geist sind
(die über Gehirnimplantate kommunizieren). ...

...Alan Turings Test zur Unterscheidung von Mensch und Maschine erfuhr
als solcher bereits einmal eine Verschiebung von Mensch zur Maschine,
denn ursprünglich sollte er der Unterscheidung von Mann und Frau dienen.
Was aber, wenn nun durch die Transzendenz und die Abschaffung der
Geschlechterdifferenz in der postbiologischen Welt die tatsächliche
Ununterscheidbarkeit von Mensch und Maschine nicht einträte?
Wenn sich herausstellte, dass "die sexuelle Differenz nicht einfach nur
ein biologisches Faktum ist, sondern das Reale eines Antagonismus,
der das Menschsein definiert"(Zizek)? Wenn der kybernetische Körper –
entgegen der techno-korporalen Verheißung einer neuen Ordnung jenseits von
Verdinglichung und Besitzergreifung – weder frei von ideologischen Implikationen
noch von ("unreiner" geschlechtlicher) Materialität wäre?

Anne Balsamo, Professorin für Literatur-, Kommunikations- und
Kulturwissenschaften, sieht in der Neugestaltung des "natürlichen" Körpers
durch die Techno-Kultur jedenfalls nicht die erwünschte Dekonstruktion
von Gender. Vielmehr scheint es ihr, als ob, und obwohl der Körper in den
technologischen und medizinischen Diskursen neu kodiert wurde,
die selbst ja eher einer kulturellen als einer natürlichen Ordnung zugehören,
Gender ein naturalisiertes Kennzeichen menschlicher Identität bliebe.
Demnach hat auch der aufgerüstete, denaturierte (weibliche) Techno-Körper
immer noch eine materielle Identität, rekonstruiert nach den kulturellen und
ideologischen Standards der Warenästhetik. Die Mythen von Identität, Natur
und Körper werden mit Hilfe der neuen Technologien sogar derart wieder
zusammengestrickt, dass die traditionellen Erzählungen über den geschlechtlich
und rassisch gekennzeichneten Körper sozial und technologisch
reproduziert würden.

Samantha Holland, die das Problem des kartesischen Dualismus
und der Geschlechts-identität in Verbindung mit den Auswirkungen
einer Technologie auf das menschliche Selbst anhand der Darstellungen
des Cyborgs im Film untersucht, kommt ebenfalls zu dem Schluss,
dass die Körper der Cyborgs in der Tat eine Rolle spielen.
Denn Cyborgs zeigen nicht nur, dass sie neben dem Geist auch einen
(menschlichen) Körper haben, sondern sogar, dass dieser übertrieben
geschlechtsspezifische Merkmale besitzt. Sie erklärt diese höchst geschlechtliche
Repräsentation damit, dass die heimliche Bedrohung, die die Cyborgs
in dem Verlust des menschlichen Körpers erkennen ließen,
abzuwehren versucht wird, wo immer dieser Verlust
den Verlust der Geschlechtsunterschiede impliziert, die wiederum essentiell sind,
um die patriarchale Ordnung aufrechtzuerhalten.
Gerade Figuren wie Robocop können daher, so Holland, sowohl als Affirmation
einer hegemonialen Männlichkeit als auch als hysterische überkompensation
einer Männlichkeit in der Krise gelesen werden.

Die Feministinnen sehen also die Rede von der "Abschaffung des Menschen"
vielmehr als eine von dem "Ende der Welt des heterosexuellen weißen Mannes" –
und kommen zu dem Schluss, dass die derzeitigen Angebote an Körper-
und Subjektivitätsmodellen auch wieder nur nach den (diskursiven)
reproduktionellen und sexuellen Funktionen konstruiert würden. ...


Stephanie Krawehl
Visionen des Posthum(an)en
Körperbilder in der Vorstellung vom Nachmenschlichen

http://www.medienobservationen.uni-muenchen.de/artikel/kunst/Krawehl.html