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"Hollywoodkino"
   
         
25.02.05 - 10:24:51
   
       
   
         
Kaleidoskop • Michael Wagner
   
       
   
             
         
kaleidoskop_1
   



Kaleidoskop" kommt aus dem Griechischen.
Wörtlich übersetzt bedeutet es "Schönbildseher" oder "Schönbildschauer.


"Das war eine Generation von Verstandesmenschen,
die sich den zuverlässig-logischen Gefährten, den Computern, unterordneten,
denn es wurden immer größere Anforderungen gestellt -
wann wurden sie schon einmal kontrolliert?
Einfacher war es, sich blind auf sie zu verlassen."
(Lem Die Jagd s. 235 Suhrkamp 1983)


»Im Wesen des digitalen Bildes liegt es, mehr als die Realität
durch den Computer zu schaffen, aber dieses Mehr im Look der Realität.
Der Grund (im Sinne der deutschen Ontologie) des digitalen Bildes ist es gerade,
Irrealität mit Hilfe des Computers realistisch zu machen.
Wir brauchen keine bewegten Fotografien, sondern das digitale Bild
führt uns darüber hinaus, transformiert die Abbildung (der Realität) zur Erzeugung
eines Bildes (einer neuen Realität).
Reproduktion und Phantasie, die beiden Schwestern,
versöhnen sich im digitalen Bild.«
(Peter Weibel, zitiert in: J. Claus, Chippppkunst, Frankfurt/Berlin 1985, S. 33)


Durch das Virtuelle werden in neuer Weise das Bild und der Körper,
das Gestische und das Visuelle, die Bewegung und das Gedächtnis verknüpft.
Klassischerweise wußten wir, daß uns jeder Standort in eine Perspektive
einschließt, uns von ihm aus auf einen Horizont schauen läßt.
Der Bildschirm des Virtuellen jedoch kennt nur einen künstlichen, beweglichen,
zersprungenen, paradoxalen Horizont.
Das alteuropäische Subjekt der Vorstellung ist gänzlich verschwunden und
an seine Stelle ist das Projekt der Darstellung getreten. Das »wahre Sein«
weicht überall dem »digitaltechnischen Schein«;
das Visuelle weicht dem Virtuellen.
Vilém Flusser hatte in den Neunziger Jahren keinen Zweifel daran,
daß es in naher Zukunft unmöglich seine werde, zwischen einem Menschen und
einem Hologramm sinnvoll unterscheiden zu können, weil zwischen dem Körper
und dem Gespenst seiner Laserprojektion keine wahrnehmungstechnische
Differenz mehr bestehen würde. Heute, etwa zehn Jahre später,
haben digitale Medien, Informatik und Telekommunikationsinfrastruktur
durch ihre Verschmelzung zu einer telematischen Basistechnologie
das explosionsartige Wachstum eines »Cyberspace« hervorgebracht,
welcher sämtliche Zeichenquellen miteinander verbindet, gleich ob es sich um
nichtmenschliche Quellen (Empfangs- und Aufnahmegeräte aller Art) oder um
menschliche Quellen (Personen und Gruppen) handelt.
Die Visionen Flussers, von ihm als transapparatische Bilder oder Computationen
bezeichnet, haben Gestalt angenommen. Längst sind die virtuellen Wesen,
sogenannte »Avatare«, aus dem Raum der künstlerischen Experimente in das
Datenuniversum der Unterhaltungsindustrie eingetreten.
Nirgends wird die digitale Realisierung fotorealistischer Phantasien
mit soviel Aufwand und Erfolg betrieben wie im »Hollywoodkino«.
Die rasante Vermehrung der visuellen Medien hat zwar nicht zum Verschwinden
des Bildes und seiner Ästhetik geführt, aber doch zu einer Abwertung
aufgrund ihrer inflationären Präsenz.


Michael Wagner, 2003