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"Die Lehre der Sainte-Victoire"
   
         
14.02.05 - 13:28:28
   
       
   
         
bonvie_SV8_2 • bonvie_SV10_1 • Rudolf Bonvie
   
       
   
             
         

bonvie_SV8_2

http://www.bonvie.info/sv/sainte_victoire_8.html


bonvie_SV10_1

http://www.bonvie.info/sv/sainte_victoire_10.html

   


Peter Handke´s - eigentlich begriffslose - Lehre der Sainte-Victoire
formuliert den Auftrag des Schriftstellers, mystische
Augenblicke, d. h. Erfahrungen einer durch ihn harmonisierten
Wirklichkeit an den Leser weiterzugeben. Die Wirklichkeit soll
als "heilig" erfahren werden, jedoch nicht im religiösen
Sinne, sondern als ein großer zeitloser Zusammenhang ewiger
"Formen". Die Kunst erweist sich als Behauptungsmittel
gegenüber dem Bösen und dem Hässlichen, als eine Ethik des
Ãsthetischen.


"Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land" (1989)

- Der eine heißt »Mauerschauer«, der andere »Spielverderber«.
Dabei ist der Spielverderber stets darauf aus, jede durch das Naturschöne
entstandene Wortkaskade der Lächerlichkeit zu überführen, genau so wie Musil
seinen Helden Ulrich im Mann ohne Eigenschaften die Naturemphase der Cousine
Diotima jedesmal zur Farce degradiert und überdies für ein »Erdensekretariat
der Seele und Genauigkeit« eintritt.
Der Spielverderber weiß, was er seinem Ruf schuldig ist,
wenn er dem Mauerschauer die Natur, wo er nur kann, madig macht.
Aus beiden indes spricht auch die Literatur; beide sind Sprachrohre
zweier Stimmen der Weltliteratur, der eine, der Spielverderber,
hat Tschechow zum Paten, der andere, der Mauerschauer, Ferdinand Raimund: -

SPIELVERDERBER Das ist doch ein vertrockneter Wurm.
In der Kindheit für mich ein Beweis, daß es keinen Gott gibt. –
Und was ist das?

MAUERSCHAUER Schneckenspuren, silbrig.

SPIELVERDERBER Todesspuren. –Und was noch?

MAUERSCHAUER Eine Vogelfeder, schwarz, mit sechs weißen Punkten,
in der Form des Sechs auf einem Würfel.

SPIELVERDERBER Und die Feder steckt in einem Kadaver, staubgrau. –
Und das ist nun, ich habe mitgezählt, schon das dritte Vogeljunge allein
auf diesem Wegstück. Die Augen noch geschlossen, der Körper nackt bis auf
diesen Federansatz. – Und das ist auch der Unterschied zwischen uns beiden:
Ich sehe zuerst die Zeichen des Unglücks und Unheils, und du siehst nichts
als die auf deinem Weg verstreuten schönen Federn.
Mauerschauer nach dem Schönen, holst dir früher oder später an Leib und Seele
die Niednägel. Du und dein Schönes.
Wird man von solcherart Schauen nicht dumm?

MAUERSCHAUER Ja. Aber gesund dumm. Entwaffnend dumm.
Zwischendurch war ich einmal klug, geradezu krank vor Klugheit und Wissen,
aber durch mein Schauen bin ich wieder so dumm, begriffsstutzig und sorglos
geworden wie als Kind. Gelingt mir mein Schauen nach dem Schönen,
so atme ich neu die Luft des Geburtstags. Die Welt ist in diesem Fall ich.
Ist das mit dir denn anders?

SPIELVERDERBER Und in dem Augenblick, da du der Kielgischt der Wolken
nachschaust, frißt in der Atmosphäre ein Chloratom ein Ozonmolekül auf,
wird aus einem anderen Himmel das Passagierflugzeug abgeschossen,
verröcheln unter wieder anderm Himmel, bei Ausbleiben des Engels für die
Heimbegleitung der Seelen, die Tausende, von denen es in der Todesanzeige
zuerst heißt »Heiter entschlafen« und gleich danach »Tief betrauert.
« Deine Art Schauen, heißt das nicht Vereinsamung, im Sinne von:
Für nichts mehr in Frage kommen?
(76-78)


- In der Schlußpartie seines Textes
"Epopöe vom Verschwinden der Wege oder Eine andere Lehre der Sainte Victoire"
sehen wir Handke wieder auf dem Berg, dem er – dem Muster Cézannes folgend –
einen Text gewidmet hatte, um daran sein Einverständnis mit dem Angeschauten,
der Natur in eine Folge zu bringen. Die »andere Lehre« muß er nun ziehen, da der
Baumbestand auf dem Berg durch einen Brand vernichtet ist: -


Die erhabene Sainte Victoire, das Gebirge der Seligpreisungen
(aus dem Licht, den Farben und der Stille),
zeigte sich von dem Feuer entzaubert,
gleichsam entkleidet und bis auf den letzten Farbenschleier ausgezogen;
»entblättert"; der Lächerlichkeit preisgegeben, mitsamt den Myriaden
der verkohlten, hasengestaltigen Stümpfe zu seinen Füßen.
Und das würde so bleiben auf unabsehbare Zeit;
in diesem Kontinent würde für Generationen von Betrachtern der Anblick
der Nacktheit und der Asche vorherrschen; [...]
ein allgemeines Totsein, ohne besonderen Leichnam,
weder eines Wildes noch eines Vogels noch eben einer Zikade. [...]
Dem durch solche Zerstörtheit Irrenden,
Stolpernden und manchmal auch schwindlig Dahintorkelnden wurde dann klar,
daß er mit dem Brand der Sainte-Victoire einen Weg verloren hatte;
Weg: bis dahin für ihn das einzige Ding von Dauer; [...]
Seltsam dabei, daß diese Erkenntnis vom Verschwinden seiner Wege
nicht nur begleitet war von Enttäuschung [...] und Angst [...],
sondern mit einem Zusatz von Einverständnis.


- »Zusatz von Einverständnis« das ist die entscheidende Formel, auf die Handke
sich im Angesicht der Katastrophe versteht, im Angesicht der Naturkatastrophe:
Hier strahlt dem Mauerschauer keine leuchtende Natur mehr entgegen;
die Katastrophe scheint den Anschein der Irreversibilität zu haben, und das,
was Dauer verbürgte, der Weg, der bekanntlich das Ziel ist, der Holzweg,
um ein wenig Heidegger hereinzulassen, ist verlegt, er führt nirgendwohin.
Und doch: Hier fällt dann die Formel vom »Zusatz von Einverständnis«.
Auch Zerstörung muß sein, auch dieses Weltfinale muß es geben.
Vielleicht ist das nicht das letzte Wort, das Handke zu der Natur zu sagen hat;
aber er bietet uns ein Bild von menschenleerer Natur, daß er der Empirie,
einer tatsächlichen Katastrophe verdankt, einer Katastrophe, die nun nicht mehr
in der Lage ist, das schöne Bild zu rekonstruieren. -

Peter Handke: Die Lehre der Sainte Victoire. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1981



http://vdeutsch.eduhi.at/vorlesungen/wsd_vorlesung.rtf



http://www.literaturwissenschaft-online.uni-
kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/literatur20/handke.pdf